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Tibetische Medizin

Heilen mit buddhistischer Weisheit

Tibetische Medizin rückt bei uns immer mehr ins Blickfeld. Was zeichnet sie aus? Der ReformhausKurier sprach darüber mit dem Wiener Arzt Dr. med. Florian Ploberger.

Was ist das Besondere an der Tibetischen Medizin?

altIn der Tibetischen Medizin wird der Mensch, ähnlich wie in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), in der alten persischen Medizin oder Ayurveda, als Ganzheit betrachtet und dessen Umfeld in diverse diagnostische und therapeutische Überlegungen mit einbezogen. Der große Unterschied der Tibetischen Medizin zu anderen alternativen Medizinsystemen, und natürlich auch zur Schulmedizin: die enge Verbindung zur Religion der Tibeter, dem Buddhismus.

Ein wichtiges Grundkonzept des Buddhismus ist das Prinzip von Ursache und Wirkung oder anders ausgedrückt, das abhängige Entstehen. Es besagt, dass nichts auf dieser Welt – und somit auch kein Krankheitsbild – ohne Grund entsteht, sondern für jedes Resultat eine oder mehrere entsprechende Ursachen vorliegen müssen. Dieses Konzept ist für im Westen aufgewachsene Menschen manchmal schwer nachvollziehbar, doch für Buddhisten, die an eine Wiedergeburt glauben, leicht verständlich.

altSie sind dabei, den wichtigsten tibetischen Medizintext in die deutsche Sprache zu übersetzen. Wie kommen Sie voran?

Der rGyud-bZhi (gesprochen „Gü Schi”) in seiner heutigen Form stammt aus dem 12. Jahrhundert. Seit dieser Zeit müssen angehende tibetische Ärzte das Werk auswendig lernen. Durch die Weitergabe von einer Schülergeneration an die nächste konnten der Text des rGyud-bZhi und die dazugehörigen Kommentare bis zur heutigen Zeit überliefert werden.

Das Buch wurde in Form von Fragen und Antworten zwischen dem Meister und seinem Schüler niedergeschrieben. Beide gelten als Emanationen des Medizinbuddhas, also als göttlichen Ursprungs. Das Werk besteht aus vier Teilen mit insgesamt 156 Kapiteln und 5.900 Versen. Ich habe bislang den ersten Teil, genannt das Wurzel-Tantra, sowie die ersten elf Kapitel des 2. Tantras, genannt das Tantra der Erklärungen, übersetzt (Stand November 2010).

Was kann die Schulmedizin von der Tibetischen Medizin lernen?

In der Tibetischen Medizin werden Körper und Geist nicht als getrennt wahrgenommen. Jedes Krankheitsbild, das sich auf einer körperlichen Ebene manifestiert, liegt genauso im psychisch-emotionalen Bereich vor. Zu jeder körperlichen Beschwerde gibt es ein entsprechendes psychisch-emotionales Pendant und umgekehrt.

Hervorzuheben ist, dass Tibetische Mediziner bereits in der Ausbildung regelmäßig meditieren. Die meisten Tibetischen Ärzte produzieren ihre Medikamente, meistens Pillen, die sie später ihren Patienten geben, selbst. Während der Erzeugung werden Mantras und verschiedene Gebete gesprochen. Darüber hinaus üben sie sich darin, ein immer stärkeres Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln. Diese Geisteshaltung überträgt sich auf die Patienten. Auch kann die durch Meditation gewonnene Geistesruhe genutzt werden, um auf einem feineren Niveau intuitiv arbeiten zu können.
 

Zur Person

Dr. med. Florian Ploberger ist Allgemeinmediziner mit dem Schwerpunkt Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit der Tibetischen Medizin. Im Sommer 2009 beauftragte Dr. Dawa, der damalige Direktor des Men-Tsee-Khang (Schule für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien), in Absprache mit der Exilregierung Seiner Heiligkeit des XIV. Dalai Lama, den österreichischen Arzt mit der Übersetzung des Medizinwerkes in die deutsche Sprache. Die neuform unterstützt dieses Projekt .

 

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