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Alternative Medizin

Blutegel – Behandlung mit Biss

Sie beißen sich fest, saugen das Blut aus und lassen erst locker, wenn sie satt sind – und die Patienten sind dankbar dafür. Hirudo medicinalis, auch medizinischer Blutegel genannt, hat sich in den vergangenen Jahren zum Renner bei Heilpraktikern und Ärzten entwickelt.

Die Natur hat uns ein Medikament geschenkt, das ohne Nebenwirkung auf die Organe seine Heilkraft entfaltet, schwärmt der Biologe Michael Aurich und setzt noch einen drauf: „Das ist eines der wirksamsten Naturheilverfahren, das wir kennen.” Das Medikament lebt im Wasser, wird bis zu 15 Zentimeter lang und saugt zur Ernährung Blut.

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Ein Blutegel ist in der Anwendung für den Patienten vielleicht gewöhnungsbedürftiger als eine weiße Pille. Doch dafür haben die Tiere bei richtiger Haltung und Anwendung kaum Nebenwirkungen. Erfolgreich seien sie auch bei Fällen, die als austherapiert gelten, berichtet Michael Aurich. Er ist stellvertretender Herstellungs- und Qualitätsleiter der Biebertaler Blutegelzucht (Landkreis Gießen).

Von hier aus werden jährlich rund 300.000 Tiere für ihren saugstarken Auftritt in Kliniken oder Praxen von Ärzten und Heilpraktikern versandt, die Zahl der Anwendungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren knapp verzehnfacht. Die meisten der zurzeit verkauften Tiere sind Wildegel aus der Türkei. Bevor sie allerdings von der Farm in den Handel kommen, müssen sie in sechsmonatiger Quarantäne gehalten werden, um bakterielle und virologische Erkrankungen auszuschließen. Erst dann dürfen sie für Therapien genutzt werden.

Die Behandlung mit Biss wird vor allem dort eingesetzt, wo Blut verdünnt, eine Entzündung gehemmt, der Lymphstrom beschleunigt und Schmerz gestillt werden soll: Rheumatische Erkrankungen oder offene Beine, Gürtelrose, Furunkel, Krampfadern, Tinnitus oder Hämorrhoiden gehören zu den vielfältigen Anwendungsgebieten. Möglich machen dies die Tierchen durch einen Wirkstoffcocktail im Speichel: Dazu zählen Enzyme wie zum Beispiel Hirudin. Sie gibt der Blutegel ab, gleichzeitig wirkt seine 30- bis 60-minütige Mahlzeit wie ein Aderlass.

Blutegel in der Heilkunde

Der Hirudo medicinalis gehört zur Familie des Ringelwurms und ist damit ein Verwandter des Regenwurms. Blutegel haben eine Entwicklungsgeschichte von rund 450 Millionen Jahren, Individuen können bis 30 Jahre alt werden. Bereits seit einigen Tausend Jahren werden Blutegel in der Heilkunde genutzt. In Verruf gerieten sie durch völlig übertriebene Anwendung im 19. Jahrhundert mit bis zu 100 Tieren. Einige Patienten verbluteten bei dieser Radikalkur. Heute werden sie wieder mit sehr guten Erfolgen eingesetzt – allerdings in der Regel höchstens zehn Tiere gleichzeitig. 

altDer Biss wirkt schmerzlindernd

Die Heilpraktikerin Edda Hoefing aus Mainz-Kostheim hat sehr gute Erfahrungen mit den Tieren gemacht. Vor allem bei Arthrose an den Fingerendgelenken wirke ihr Einsatz besonders schmerzlindernd, Erleichterung würden die Tiere auch bei Krampfadern bringen. „Die meisten Patienten kommen schon mit dem Wunsch nach einer Blutegeltherapie in die Praxis”, sagt Hoefing. Und die Nachfrage steige. Die Kosten für die Behandlung sind abhängig davon, wie viele Tiere eingesetzt werden müssen. Ein Egel koste etwa fünf Euro, je nach Therapie seien bis zu zehn Stück notwendig.

Allerdings ist die Behandlung auch ein blutiges Geschäft: Wenn der Egel satt ist, fällt er von selbst ab, die Wunde blutet nach. Dies ist erwünscht und Teil der Therapie. Deshalb sollen die Beißer auch keinesfalls in Selbstbehandlung angesetzt werden, warnen sowohl Aurich als auch Hoefing: Zu groß sei vor allem die Gefahr, dass die Tiere bei unsachgemäßer Anwendung Keime auf der Haut trügen, die dann in die Bissstelle gelangen könnten. Auch der Biss selbst muss fachmännisch versorgt werden. Keinesfalls dürfen die Tiere mit Gewalt entfernt werden. „Dann kann der Blutegel so in Stress geraten, dass er Blut aus dem Magen-Darm-Trakt in die offene Wunde erbricht”, schildert Aurich. Um ein Infektionsrisiko auszuschließen, müsse der Egel von alleine loslassen.

Auch die Patienten reagieren manchmal empfindlich auf die Tiere. „Ich decke vor einer Behandlung das Glas mit den Egeln meistens erst mal ab”, erklärt Hoefing. Je nachdem, wo die Blutsauger angesetzt werden, lasse es sich völlig vermeiden, dass der Patient seinen tierischen Therapeuten zu Gesicht bekommt. Allerdings hat die Heilpraktikerin die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen nach erfolgreicher Behandlung dann doch sehen wollten, wem sie die Linderung ihrer Beschwerden verdanken.

In freier Wildbahn können Blutegel von einer Mahlzeit bis zu zwei Jahre lang zehren, bis sie erneut saugen müssen. Im medizinischen Bereich endet allerdings für den kleinen Therapeuten die Behandlung tödlich: Wegen des Blutkontaktes müssen die Tiere laut Gesetzgeber nach einmaligem Einsatz getötet werden. Für die Gebissenen ist dies oft schmerzlicher als der Biss selbst, berichtet Edda Hoefing: „Ich habe Patienten, die sich nach der Behandlung sogar bei den Tieren bedanken.”

Sigrid Aldehoff

Weitere Informationen: www.blutegel.de

 

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