Immunsystem stärkenSingen tut gut!Vitaminreiche Ernährung, Sport und warme Kleidung – es gibt viele Möglichkeiten, in der ungemütlichen Jahreszeit Erkältungen und Stimmungstiefs vorzubeugen. Auch wer viel und oft singt, stärkt sein Immunsystem und hellt die Laune auf. Ob ein jubilierendes Ave Maria, ein inbrünstig intonierter Hit von Madonna oder eine mit Enthusiasmus geschmetterte Fußballhymne – es gibt viele Arten des Gesangs. Nicht immer ein Genuss für Zuhörer, aber meistens eine Quelle der Freude für diejenigen, die es tun. Und auch die Gesundheit des Singenden profitiert – diese Erkenntnis spiegelt sich in mehreren Studien wider. „Singen stärkt das Immunsystem und wirkt antidepressiv, indem es das Belohnungssystem des Gehirns ankurbelt, wie mittlerweile umfangreiche internationale Forschungen belegen konnten”, sagt Wolfgang Bossinger, Musiktherapeut und Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Singen. Er spricht vom „Gesundheitserreger Singen” und sieht besonders die Freude am Singen als wichtig an.
Singen ohne Druck und ZwangWer vom unsensiblen Musiklehrer vor der Klasse zu Stimmübungen gezwungen wird, darf also ebenso wenig auf eine wohltuende Wirkung hoffen wie jemand, der sich allein aus Solidarität mit Freunden oder dem Partner zur Chorprobe schleppt. Auch Profis wie Opernsänger profitieren kaum von der positiven Wirkung – sie stehen auf der Bühne meist unter Stress. „In unserer Kultur gibt es eine zu starke Orientierung beim Singen auf die Leistung”, kritisiert Bossinger, bei Urvölkern sei Singen immer eine soziale Angelegenheit, die nicht zur Aufführung gedacht sei: „Das Singen als Kunstform ist etwas Neues”, die Perfektion von digitalen Gesangsaufnahmen machten es für den Laien schwer, unbefangen zu singen. „Dabei ist es das Geburtsrecht jedes Menschen, singen zu dürfen”, sagt der Musiktherapeut. Wer singt, tut etwas für seine Gesundheit, ist ausgeglichener und weniger reizbar. Dabei wirken nach seiner Erfahrung die Lieder am besten, die man sich selbst aussucht: „Und im Chor wird die Wirkung noch potenziert”, gemeinsames Singen verbinde und vermittle Lebensfreude. Glück und Zufriedenheit „ersingen”Was passiert beim Singen im Körper? Zum einen wird die Atmung vertieft, das Gehirn und die anderen Organe werden besser mit Sauerstoff versorgt. Auch der Immunglobulin-A-Wert wurde in Speichelproben bei Sängern vor, während und nach der Chorprobe gemessen. Ergebnis: Der Wert stieg deutlich an, das Immunsystem lief auf Hochtouren. Dass man auch Glück und Zufriedenheit „ersingen” kann, hat der Wiener Musikpsychologe Thomas Biegl für seine Diplomarbeit erforscht. Dabei hat er zum einen mit Befindlichkeitsfragebogen gearbeitet, zum anderen aber auch das Blut von Sängern auf die Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin, Adrenalin und das Glückhormon Beta-Endorphin untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Die psychophysiologischen Glücksindikatoren Serotonin und Noradrenalin stiegen bei den Sängern merklich an, während das Stresshormon Adrenalin sank. Auch wurde das Opiat Beta-Endorphin vermehrt ausgeschüttet.
Die Auswertung der Fragebögen untermauerte den Laborbefund: Die Chormitglieder beschrieben eine Hebung der frohen Stimmung, sie fühlten sich weniger erschöpft, die Ängste ließen nach und sie stellten eine Steigerung des Wohlbefindens fest. Als Resultat dieser Forschungen fordert Biegl einen höheren Stellenwert von Musik und Gesang in der Gesellschaft – „zum Wohle der Menschheit als rezept- und schmerzfreie Injektion zum Glückszustand”. Wer sich also in der trüben und kalten Jahreszeit wappnen möchte, sollte dies auf jeden Fall mit Vitaminen und Bewegung an frischer Luft tun – und vielleicht auch einfach mal die Lieblingslieder auf dem Weg zur Arbeit, beim Hausputz oder mit den Kindern anstimmen. Vielleicht bekommt man dabei ja sogar Lust, einem Chor beizutreten. Das singende KrankenhausDie Erkenntnis, dass Singen gut für Gesundheit und Psyche ist, möchte das derzeit im Aufbau befindliche Projekt „Singende Krankenhäuser” zum Wohl der Patienten nutzen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Klinikdirektoren und Patienten begründete Wolfgang Bossinger in diesem Jahr die Canto-Initiative Singende Krankenhäuser. Dort und in weiteren Gesundheitseinrichtungen wie Praxen und Reha-Zentren soll man vom gesundheitsfördernden Effekt des Singens profitieren. Ziel: Mindestens einmal pro Woche gemeinsames Singen von Patienten und Angestellten für eineinhalb Stunden ohne Leistungsdruck und unter qualifizierter Anleitung. Patienten könnten so unter anderem wieder neue Lebensfreude und Hoffnung schöpfen, für die Angestellten könne dieses Angebot Stressabbau und Regeneration bedeuten, sagt der Musiktherapeut Wolfgang Bossinger, Projektleiter der Initiative. Es ist geplant, das Singen an Krankenhäusern wissenschaftlich zu begleiten, um die Gesundheitswirkung des Gesangs weiter zu belegen. Sigrid Aldehoff Weitere Infos unter www.singende-krankenhaeuser.de |