Zahnmedizin / InterviewDie Zähne immer gut behandelnDr. med. dent. Hiltrud Boeger ist in einer Praxis für ganzheitliche Zahnmedizin tätig, ihre Arbeitsschwerpunkte sind u. a.: Restaurative Zahnheilkunde, Parodontologie, Umweltzahnmedizin Was versteht man unter Umweltzahnmedizin?
Durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen auf dem Gebiet der Umweltmedizin konnte aufgezeigt werden, wie Krankheiten durch chronische Einwirkung von Fremdstoffen verursacht werden. Dazu zählen auch zahnärztliche Materialien, da sie in die „innere Umwelt” eingebracht werden.
Bei welchen Anzeichen spielen möglicherweise Umwelteinflüsse eine Rolle? Komplexe Krankheitsbilder wie dauernde Abwehrschwäche, Autoimmunerkrankungen, Allergien, Rheuma, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, chronische Erkrankungen im Bereich der Zähne und des Kiefers können verschiedene Ursachen haben. Auch Unverträglichkeiten gegen Zahnmaterialien – häufig unentdeckt – sind unter Umständen daran beteiligt. Bisweilen überlagern oder verstärken sich die Wirkungen diverser Materialien. Dazu muss man wissen: In ca. 80 Prozent der Fälle liegt eine falsche Bearbeitung durch Zahntechniker zugrunde. Besonders brisant ist in diesem Zusammenhang der Auslandszahnersatz: In einigen Billiglohnländern werden Legierungsreste aufgekauft und wahllos zusammengegossen. Daraus stellt man dann Zahnersatz her, der als fertiges Produkt wieder zu uns kommt. Hier tragen also die Zahntechniker gemeinsam mit dem Zahnarzt die Verantwortung. Ein hohes Maß an Sicherheit bieten Zahnarztpraxen und Labors, die das Gütesiegel der GZM, der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin, tragen. Wie stellen Sie Umweltbelastungen fest?
Bei besonders empfindlichen Menschen liegen relativ häufig Sensibilisierungsreaktionen gegen (Edel-) Metalle, Kunststoffe und auch Wurzelfüllungen vor, denen man mit den herkömmlichen Allergie-Tests nicht auf die Spur kommt. Es handelt sich nämlich zumeist nicht um Allergien im klassischen Sinne, sondern um systemische Entzündungsreaktionen, die sich fast nie im Mund, sondern an anderen Stellen im Organismus zeigen. Um diese Belastungen aufzuspüren, arbeiten Umweltzahnärzte in einem Netzwerk mit Umweltmedizinern, Immunologen und anderen ganzheitlich orientierten Medizinern zusammen. Wir empfehlen Bluttests (ggf. kann dies über den Hausarzt abgewickelt werden), bei denen lebende Blutzellen von Speziallabors für Immunologie und Toxikologie untersucht werden. Epikutantests, die Untersuchung direkt am Körper, sind zu ungenau und können sogar eine Sensibilisierung auslösen. Diese Methode ist für Zahnmaterial längst überholt. Ist der Zusammenhang belegt, was geschieht dann? In meiner Praxis stelle ich bei weniger als 30 Prozent der Patienten, die mit Verdacht auf Unverträglichkeiten zu mir kommen, tatsächlich Probleme mit Zahnmaterialien fest. Dann sollte eine Zahnsanierung erfolgen. Bevor wir behandeln, lassen wir über immunologische Testverfahren abklären, ob der Patient die in Frage kommenden Materialien toleriert. Ob beispielsweise ein Implantat seinen Organismus belastet, ob für ihn Keramik, Gold oder Kunststoff die beste Lösung ist, welche Auswirkungen eine Wurzelfüllung eventuell haben kann. Bei der Entfernung von Amalgam muss mit äußerster Sorgfalt vorgegangen werden; Atemschutz und sogenannte Kofferdämme im Mundraum des Patienten sind wichtige Schutzmaßnahmen. Zur Ausleitung von Schadstoffen benennen wir spezialisierte Umweltmediziner oder andere Ärzte bzw. Heilpraktiker. Wie findet man Zahnärzte mit der Zusatzbezeichnung Umweltzahnmedizin? In Deutschland ist das Fachgebiet der Umweltzahnmedizin noch recht neu, bislang haben rund 30 Zahnärzte diese Zusatzausbildung absolviert. Am besten wendet man sich an die GZM oder den DBU, den Deutschen Verband der Umweltmediziner. Übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten?
Die Umweltzahnmedizin ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen; die „normalen” zahnärztlichen Maßnahmen können jedoch von Praxen mit Kassenzulassung zur Entlastung der Patienten abgerechnet werden. Vielen Dank für das Gespräch! Adressen:
Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin e. V., www.gzm.org Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner e. V., www.dbu-online.de |