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Krise als Chance - Interview
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Krise als Chance / Interview

„Krise bedeutet radikalen Wandel“

Interview mit Eckart Fiolka, Diplom-Psychologe, Berater und Trainer. Thomas Götemann sprach mit ihm über Krisenmerkmale und Bewältigungsstrategien und die Chance auf Veränderung zum Positiven.

Eckhart FiolkaHerr Fiolka, was kennzeichnet aus psychologischer Sicht eine Krise? Was unterscheidet sie von Problemen oder Schwierigkeiten im Alltag?

Eine Krise ist deutlich existenzieller und meint so etwas wie einen Wendepunkt, einen radikalen Wandel. Was bisher war, hört auf, und es beginnt etwas Neues. Das formuliere ich so neutral, weil in der Krise etwas Positives wie Negatives steckt. Zweiter wichtiger Punkt: Ich habe dafür vorzugsweise keine Referenzerfahrung. Krise ist eng verknüpft mit dem Thema Identität, mit meinem Glauben an mich selbst. Es geht um Zugehörigkeit und Abgrenzung. Ich erlebe dann eine persönliche Krise, wenn ich sage, meine Identität, mein Glaube über mich, ist nicht mehr das, was ich entweder will, was mir mein Umfeld sagt, oder aber wenn es mich wirklich behindert in meinem Alltag.

Auf den Punkt gebracht: Bei einer Krise fehlen mir Ressourcen, es fehlen mir Referenzerfahrungen,  und es ist eine echter Wendepunkt, der entweder ins Positive gehen kann oder ins Kritische.

Gibt es äußere Anzeichen, die mir signalisieren, Achtung, das ist jetzt deutlich mehr als das, was ich bisher bewältigt habe im Alltag?

Ja, wenn ich merke, dass meine Bewertungs- und Einordnungssysteme nicht mehr gelten, wenn meine alten Strategien nicht mehr funktionieren. Ich mache es mal am Thema Führung fest: Ich werde eine Top-Führungskraft, und auf einmal komme ich mit meinen Strategien nicht mehr zurecht, ich weiß nicht, wie man sich verhält, ich kenne den Habitus nicht, alte Einordnungsmuster funktionieren nicht. Dann ist die Reaktion häufig Angst, Unsicherheit – oder aber Entdeckergeist und Ausprobieren. Physiologische Reaktionen gehören dazu, mein Körper zeigt mir das. Burn-out zum Beispiel geht einher mit körperlichen Signalen wie Herzrasen, Verflachung der Emotionen. Eine Überforderung, in der dann auch die physischen Systeme Alarm geben.

Drittens das Umfeld: Wenn der Partner etwa sagt, „Du bist ja völlig verändert, ich kenne dich auf einmal nicht mehr“, oder der Chef radikales Feedback gibt: „So passt das nicht, Sie sind raus!“

Angenommen, ich stelle diese Merkmale an mir fest. Wie kann ich mir selbst helfen, oder wer kommt als Helfer infrage?

Ich möchte noch einen Schritt davor gehen. Die Grundfrage lautet: Wie bewältige ich gut Krisen? Die Resilienzforschung (Resilienz = Widerstandsfähigkeit, die Red.) liefert hierzu Ergebnisse. Ein resilienter Mensch kann gut Krisen meistern, und sogar gestärkt aus einer Krise hervorgehen. Man hat Kinder untersucht, die aus ärmlichen Verhältnissen kommen, wo man eigentlich sagt, die können nur verlieren. Aber es gibt Kinder, die sich aus diesen Verhältnissen befreien. Was haben sie, das andere nicht haben? Da gibt es drei Aspekte:

Jedes hatte eine stabile emotionale Beziehung zu mindestens einer Person. Es gab einen, der an dieses Kind geglaubt hat, und umgekehrt. Zweitens gibt es gute soziale Vorbilder für die Bewältigung, oft nicht aus dem familiären Umfeld. Der dritte Aspekt dreht sich um die Frage, wie muss ich Kinder schützen, und wie weit muss ich sie konfrontieren? Frühe Leistungsanforderungsbewältigung und frühe Frustrationsüberwindung und nicht das Wegnehmen jeder Frustrationsquelle sind ein ganz, ganz wichtiger Punkt resilient zu werden. Wenn ich also einen Schutzwall um ein Kind baue, und ihm alle Hürden aus dem Weg räume, helfe ich ihm nur kurzfristig, aber es macht es nicht stärker und krisenfest.

Und was bedeutet das nun im Sinn der oben gestellten Frage?

Dazu zähle ich vier Aspekte, ohne vollständig sein zu wollen:

  1. die Fähigkeit, optimistisch zu bleiben, gekoppelt mit der Fähigkeit, Situationen unterschiedlich bewerten zu können. Im Coaching nennen wir das Reframing. Ich kann einen Perspektivwechsel hinbekommen, ohne dabei nur zweckoptimistisch zu sein. Ein guter Selbsttest ist, eine Lobrede auf sich selbst zu halten. Schreiben Sie eine Lobrede auf sich selbst in aller Breite, und wenn Sie möchten, halten Sie sich die mal selbst vor dem Spiegel. Dritte Idee, halten Sie die Lobrede mal vor ihrem Partner oder besten Freund, und lassen Sie sich Feedback, eine Rückmeldung, geben. Das ist eine Fähigkeit, sich positiv anzugucken.
  2. die Akzeptanz der Situation, anzuerkennen, was ist. Auch wenn die Krise tief ist, sich einzugestehen, dass es im Moment nun einmal so ist. Wir kennen das aus Krankheiten. Der Alkoholabhängige kann erst therapiert werden, wenn er zugibt, dass er krank ist, seine Situation erkannt hat und sie akzeptiert.
  3. die Fähigkeit zum Beziehungsaufbau. Jemanden zu haben, mit dem ich darüber sprechen kann, wie ich mich fühle. Das ist der Mechanismus von Selbsthilfegruppen. Sie sind zwar nicht therapeutisch, bieten aber Resilienz, Krisenbewältigung, indem man einen Ort findet, wo Menschen sind, die einem zuhören und eine Resonanz geben und selbst auch ein Thema mitbringen.
  4. die Frage, inwieweit will ich Verantwortung für mich selbst übernehmen. Das „Ich kann nicht“ versus „Ich will nicht“. Und die Antwort auf die Frage: Wem schreibe ich die Ursachen zu für den aktuellen Zustand?

Das trifft gut zu auf persönliche und private Krisen. Was aber lösen die größer dimensionierten Krisen, etwa die Eurokrise, beim Einzelnen aus?

Hier geht es um die Frage, wie weit ich mich abgrenzen kann. Wie weit trifft mich das emotional, wenn zur persönlichen Krise auch noch die Eurokrise, Wirtschaftskrise hinzukommen, und dann geht auch noch ein Schiff unter. Schaffe ich das nicht, wird es zu groß, es übermannt mich, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ich von der Eurokrise persönlich getroffen werde nur bei 10 Prozent liegt. Das führt zur Opferhaltung.

Es kann der Punkt kommen, dass die eigenen Kräfte aufgezehrt sind. Vieles kann man allein tun, muss es aber nicht zwangsläufig. Wer bietet Unterstützung, und wann sollte die frühestens/spätestens einsetzen?

Mann stützt Kopf auf, überfordertDas soziale Netz, die Familie, Freunde, sollte bei den ersten Anzeichen einer Krise sofort eingeschaltet werden. Die Fähigkeit Kontakt aufzunehmen, die Fähigkeit zu erzählen, wie es mir geht, zählt für mich zu den wichtigsten Schritten zur Krisenbewältigung auf der untersten Ebene. Wenn es aber so weit ist, dass das System in der Krise steckt, meine Familie oder meine Frau mir auch nicht mehr weiterhelfen können, ist es sinnvoll, sich professionelle Hilfe zu holen.

Das kann zunächst ein guter Coach sein. Der Coach kann dann gut agieren, wenn er noch Ressourcen findet. Der Coach kann eine Außenperspektive bieten, kann Feedback geben, und eine neue Einordnung. Er stellt mir andere Fragen, als ich mir selbst, beispielsweise „Was wäre wenn?“ oder „Unter welchen Bedingungen würde es gehen?“. Der Coach kann Systematiken anbieten, wie ich an ein Problem herangehe, wie ich es zerlege, wie ich an Ressourcen wieder herankomme, er kann mich in meiner Sozialkompetenz trainieren, zum Beispiel, wenn ich mit meinem Chef sprechen möchte.

Wäre das nicht auch im Sinne einer Krisenprävention interessant und gut?

Prävention ja, aber auch im Sinne von vorbeugendem Lernen. Wenn ich im Frühjahr Skifahren will, mache ich mich ja auch am besten im Winter schon fit dafür. Und wenn ich weiß, dass herausfordernde berufliche wie private Aufgaben vor mir liegen, kann ich pro-aktiv darangehen, im Sinne von Was brauche ich für den Schritt eigentlich? Wer das möchte, kann da im Voraus etwas für sich tun. Entweder im Selbstcoaching oder mit einem erfahrenen Coach an seiner Seite.

Wann hat Coaching im Krisenkontext seine Grenze erreicht, wann brauche ich Therapie?

Eine Grundregel im Coaching heißt, ich lasse als Coach meinen Klienten ressourcenvoll in die Welt wieder hineingehen, und er hat in gewisser Weise Selbstkompetenz gewonnen. Wenn das wegfällt, ich als Coach zwar eine Ressource entdecke, der Klient aber in permanenter negativer Selbstbeschreibung verharrt, versagt Coaching, weil es da nicht eingreifen kann und ich als Coach die Hintergründe nicht kenne, warum die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zum Feedback annehmen nicht mehr da ist.

Weiterhin ist eine Grenze erreicht, wenn die körperliche Schädigung zu massiv wird, etwa wenn Angst so groß wird, dass sie blockiert. Dann rate ich immer häufiger dazu, einen Facharzt für Psychosomatik aufzusuchen, weil der noch mal ein Stück anders draufguckt als der Psychotherapeut.

Dritter Aspekt ist die erlebte Dramatik einer Krise, deren Stärke und Tiefe. Wenn ich den Alltag nicht mehr bewältigen kann, mich vor Angst nicht mehr raustraue, ist der Besuch eines Psychotherapeuten angezeigt.

Es kann aber sein, und das haben wir oft erlebt, dass der Gang zum Facharzt oder Psychiater mit einem Coaching sinnvoll unterstützt werden kann. Bei Depression oder Burn-out muss der Arzt zunächst behandeln, er steht in der Verantwortung, während Coaching begleitend oder im Anschluss auf die Stärkung der Ressourcen und Selbstverantwortung beim Klienten abzielt – die Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Mehr zu Eckart Fiolka, das Thema Coaching und Training auf www.viel-coaching.de.

Lesen Sie auch den Text: Krise als Chance.

 

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