Burn-out-Prävention / Interview 

„Die Grundidee ist es, mehr Ruhephasen in sein Leben hineinzulassen”

Jörn Ehrlich ist Diplom-Sportwissenschaftler, Lehrtrainer, Mediator und Management-Coach. Als Gründer und Mitinhaber des Hamburger Weiterbildungsinstituts V.I.E.L Coaching + Training bildet er Menschen zum Business-Coach und zum Business-Trainer aus und unterstützt Führungskräfte und Teams beim Erreichen ihrer Ziele.

Herr Ehrlich, immer mehr Menschen leiden unter einer körperlichen, geistigen und seelischen Erschöpfung. Und das nicht nur in der Arbeitswelt. Worauf führen Sie diese Zunahme an Fällen zurück?

Ich glaube nicht, dass es eine wesentliche Zunahme an diesen Symptomen gibt, auch wenn im Moment das Thema Burn-out-Syndrom in den Medien große Resonanz findet. Ich will damit das Thema nicht klein reden, denn wer ernsthaft erkrankt ist, benötigt dringend und umfassend Hilfe. Aber es gibt jenseits vom Burn-out auch ganz normale Erschöpfungszustände.

Als Coach bemerke ich in der Welt meiner Klienten allerdings eine Zunahme von Geschwindigkeit und Komplexität. Die Produktionszyklen werden immer kürzer, Projekte werden sehr eng getaktet, und der Kraftakt, eine vierköpfige Familie zu „managen”, ist nicht zu unterschätzen. Das Anspruchsdenken der Unternehmen an seine Mitarbeiter und das der Eltern an ihre Kinder ist insgesamt gestiegen. Hier ist es Zeit, gegenzusteuern.

Welche Persönlichkeitsmerkmale würden Sie als Risikofaktoren einstufen?

Alle Merkmale, die eine zu starke Orientierung an äußere Bezugspersonen oder Institutionen haben. Wer sein Selbstwertgefühl zu stark an dem Feedback der Umwelt festmacht, macht sich anfällig, zu oft oder zu schnell Ja zu sagen, ohne die eigenen Bedürfnisse mit zu berücksichtigen. In unserer Gesellschaft ist der Wunsch nach echter Anerkennung sehr stark ausgeprägt.

Wie erkennt man rechtzeitig die Warnzeichen?

Warnzeichen sind immer da. Es kommt darauf an, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Entweder in die Außenorientierung, dann erlebe ich viele Anforderungen, aus denen Druck entsteht. Den kann ich nur wahrnehmen, wenn ich meinen Blick nach innen richte. Wer das rechtzeitig und oft macht, hat gute Chancen, die Warnsignale, die ein Körper sendet, wahrzunehmen und auch anzuerkennen. Dazu zählen beispielsweise Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Konzentrationsschwäche. Im Regelfall ist es so, dass die Menschen zu lange diesen Signalen nicht folgen und sich an den Außenanforderungen orientieren. Das führt dazu, dass die Symptome massiver werden müssen, damit sie überhaupt das Bewusstsein erreichen.

Welche Schritte empfehlen Sie?

Anpassungen vornehmen! Die Grundidee ist, mehr Ruhephasen in sein Leben hineinzulassen. Das erfordert aber Mut! Denn man hat ja am Anfang ein Anforderungspaket geschnürt, und Menschen ver-
lassen sich darauf, dass man getroffene Zusagen einhält. Es geht darum, das System erst mal herunterzufahren. Entweder geht man dabei dosiert vor, Schritt für Schritt, oder ganz massiv, wie zuletzt Ralf Rangnick. Wenn es heruntergefahren ist, stelle ich mir die zielorientierte Frage: „Wer will ich sein, nach welchen Wertmaßstäben möchte ich mein Leben organisieren?” Und dann, ganz wichtig, auf eine ehrliche Antwort warten. Manchmal kann man sich die Antwort nicht selber geben, dann ist es Zeit, professionelle Unterstützung einzuholen.

Was würden Sie als sinnvolle vorbeugende Maßnahmen einstufen?

Das Zauberwort in der Prävention heißt Mäßigung. Gemeint ist das Kappen der Pole links und rechts, der Bereiche jenseits der Schwellen zur Überforderung und zur Unterforderung. Im Burn-out geht es natürlich um die Überlastungsspitze, Unterforderung ist aber auch schädlich.

Ziel ist ein rundes, an den Bedürfnissen und Werten orientiertes Leben. Und über dieses Ziel und meine Schritte dahin sollte ich mein Umfeld informieren.

Interview: Thomas Götemann

Lesen Sie auch unseren Beitrag „Gut gewappnet gegen Burn-out-Syndrom”.

Weitere Infos finden Sie unter www.viel-coaching.de

 

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